Vor 70 Jahren -Versenkung der KZ-Häftlingsflotte in der Lübecker Bucht


1. Einführung

Eine der größten Schiffkatastrophen war die Versenkung des Luxusdampfers CAP ARCONA, Flaggschiff der Hamburg Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft (HSDG), durch englische Bomber vor 70 Jahren. Dabei sind fast alle der 4.600 KZ-Häftlinge, die überwiegend aus dem KZ Neuengamme (Abb. 1) stammten, umgekommen. Darüber wurde vielfach berichtet, mehrere Bücher geschrieben und das CAP ARCONA Museum in Neustadt informiert darüber. Außer der CAP ARCONA wurden bei diesem Angriff die DEUTSCHLAND und die THIELBEK versenkt. Das 4. Häftlingsschiff, das Motorschiff ATHEN war gerade im Neustädter Marinehafen, um weitere Häftlinge aus dem KZ Stutthof zu übernehmen. Insgesamt forderte dieses Drama in den letzten Kriegstagen über 7.000 Menschenleben [1].

 

2. Die Schiffe

Das Dampfturbinenschiff CAP ARCONA (Abb. 2) wurde 1927 von Blohm & Voss (B&V) für die HSDG gebaut. Mit einer Länge von 206 m, 25,8 m Breite und 12,8 m Seitenhöhe war sie mit 27.560 BRT vermessen. Sie hatte 8 Wasserrohrkessel, die 2 Satz Getriebeturbinen mit Dampf versorgten und dem Schiff mit 24.000 PS eine Geschwindigkeit von 20 kn verliehen. Die CAP ARCONA war eingerichtet für 575 Passagiere der I., 275 Passagiere der II. und 465 Passagiere der III. Klasse [2]. Für den Schiffsbetrieb im Südamerika-Liniendienst wurden 630 Besatzungsmitglieder benötigt. Im Mai 1945 lag die CAP ARCONA fahruntüchtig vor Neustadt. Es waren nur 70 Mann zivile Besatzung und rund 4.600 Häftlinge an Bord,  außerdem 15-20 SS-Führer und 20 SS-Frauen für die KZ-Verwaltungsarbeiten. Zur Flugabwehr befanden sich außerdem rund 400 Mann der Marineartillerie an Bord [1].

 

Das Dampfschiff DEUTSCHLAND (Abb. 3), 1923/24 ebenfalls von B&V gebaut, gehörte der Hapag und wurde für den Linienverkehr über den Atlantik gebaut. Sie wurde 1930 verlängert, erhielt neue Wasserrohrkessel und lief mit den beiden neuen rund doppelt so starken 23.000 PS-Dampfturbinensätzen eine Geschwindigkeit von 19,2 kn. Die DEUTSCHLAND hatte 415 Mann Besatzung und war eingerichtet für 230 Passagiere der I., 400 Passagiere der Touristen- und 400 Passagieren der III. Klasse [2]. Im Mai 1945 lag sie ohne Häftlinge in der Lübecker Bucht vor Neustadt und wurde zu einem Lazarettschiff umgerüstet.

 

Die THIELBEK war ein 2.815 BRT großer Frachtdampfer, der 1939 bei der Lübecker Maschinenbau-Gesellschaft (LMG) für die Hamburger Reederei Knöhr & Burchard gebaut wurde. Sie lag mit Ruderschaden in Lübeck in der Werft und wurde anfangs wie die ELMENHORST als „Auffanglager“ für KZ-Häftlinge aus Neuengamme eingesetzt.

Die ATHEN war ein 1936 von der Hamburger Reiherstiegwerft abgelieferter 4.450 BRT Motorfrachter für die Reederei Deutsche Levante-Linie (DLL). Sie wurde als Stückgutschiff mit Heimathafen Hamburg in der  Mittelmeerfahrt eingesetzt. Das Schiff wurde im September 1936 in Fahrt gesetzt und bis 1940 von der Deutschen Levante-Linie betrieben. 1940 von der Kriegsmarine  übernommen und zum SPERRBRECHER 2 umgebaut, sank das Schiff durch Minentreffer in der Nähe von Boulogne. Es wurde im November 1942 gehoben,  instandgesetzt und wieder von der Reederei als  ATHEN eingesetzt. Sie lag im April 1945 in Lübeck in der Werft und wurde von der SS als Häftlingsschiff eingesetzt.

Die ELMENHORST war ein Frachtdampfer der Reederei Bock, Godefroy & Co. und wurde 1945 von der Lübecker Maschinenbaugesellschaft (LMG) abgeliefert. Sie war mit 1.925 BRT vermessen und lag als Neubau im Lübecker Hafen. Die 1919 gebaute OTTERBERG der Reederei A. Bolten wurde wie die ELMENHORST als vorläufiges Häftlingsquartier genutzt und blieben im Lübecker Hafen.

 

Am Rande beteiligt waren noch zwei Schleppverbände mit Häftlingen aus dem KZ Stutthof bei Danzig (Abb. 4). Es handelte sich um den Schlepper ADLER mit dem Kahn VATERLAND und den Schlepper BUSSARD mit dem Kahn WOLFGANG. Sie sind am 28. 4. 1945 in Nickelswalde bei Elbing mit rund 2.000 Häftlingen an Bord (Abb. 5) abgefahren und erreichten Lübeck am 2. Mai. Da Lübeck gerade von den Briten eingenommen wurde, drehten sie um und fuhren nach Neustadt [1].

 

3. KZ Neuengamme

Von den bis 1945 im KZ Neuengamme bei Hamburg gefangen gehaltenen ca. 100.000 Häftlingen, 9 % aus Deutschland und 91 % aus den besetzten Ländern, starben etwa 50.000 in Folge der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, durch Morde und als Opfer der Gewaltmärsche bei den Lagerräumungen. KZ-Kommandant Max Pauly teilte den SS-Wachmannschaften den am 19. April erhaltenen Befehl zur endgültigen Räumung mit, 500 Gefangene sollten zum Schluss die Spuren verwischen  [3, 4].

 

3.1 Räumung vom KZ Neuengamme

Im Herbst 1944 fanden Gespräche statt, in denen der Höhere SS- und Polizeiführer Georg-Henning Graf von Bassewitz-Behr, der KZ Kommandant von Neuengamme SS-Sturmbannführer Max Pauly und der Reichskommissar für die Seeschifffahrt („Reiko See“) NSDAP-Gauleiter und SS-Obergruppenführer Karl Kaufmann die Lage erörterten [1]. Aufgrund der näher rückenden Front sprachen  sie darüber, wie das KZ Neuengamme und die Außenlager geräumt werden können. Sowohl die Transportmöglichkeiten als auch der endgültige Verbleib der Häftlinge waren die wichtigsten Fragen. Heinrich Himmlers Befehl bezüglich der KZs: "kein Häftling darf in die Hände des Feindes fallen" [1, 3] führte ab März 1945 dazu, dass die Häftlinge der vielen Außenlager ins Stammlager Neuengamme zurückgeführt wurden. Die meisten Häftlinge wurden auf Endlager wie Bergen-Belsen, Auffanglager Wöbbelin bei Ludwigslust oder Sandborstel bei Bremervörde verteilt [1, 3, 4]. Es verblieb ein Rest von 10.000 Häftlinge im Stammlager. Im April erhielt Pauly einen Anruf von Bassewitz-Behr, in dem er ihm mitteilte, dass auch dafür eine Lösung gefunden sei. Sämtliche im KZ Neuengamme verbleibende Häftlinge sollten auf Schiffe verladen werden, die Bassewitz-Behr in seiner Funktion als Reichskommissar für die Seeschifffahrt zur Verfügung stellte [3].

 

3.2 Aktion der weißen Busse

Der norwegische Diplomat Niels Christian Ditleff engagierte sich Ende 1944, um für die Norweger und Dänen in deutschen Konzentrationslagern eine Rettungsaktion durch das schwedische Rote Kreuz zu veranlassen [3]. Graf Folke Bernadotte, Neffe des regierenden König Gustafs V. Adolf und Vizevorsitzender des schwedischen Roten Kreuzes, wurde mit den Verhandlungen und der Durchführung beauftragt. Er traf sich im Februar 1945 mit Heinrich Himmler zu heimlichen Verhandlungen in der Uckermark nahe dem  Frauen-KZ Ravensbrück. Er erreichte, dass die skandinavischen Gefangenen in allen deutschen KZ unter Geheimhaltung im KZ Neuengamme konzentriert werden durften. Damit nahm eine beispiellose Hilfsaktion seinen Anfang. Die Sammlungstransporte wurden von Bernadotte organisiert, begannen im März 1945 und holten rund 6.000-7000 Häftlinge mit weiß angemalten schwedischen und dänischen Bussen (Abb. 6) in das sogenannte „skandinavische Lager“ (Abb. 1) im KZ Neuengamme. Um Platz zu schaffen, wurde der vordere große steinerne Unterkunftsblock vorher geräumt. Dazu sind rund 4.000 Häftlinge mit „weißen Bussen“ in Lager nach Salzgitter, Hannover und Bergen-Belsen verbracht worden  [3, 4].


Die schwedischen Busse und Fahrzeuge wurden von den schwedischen Kühlschiffen LILLIE MATTHIESSEN  und MAGDALENA von Schweden mit 350 Tonnen Benzin und 6.000 Lebensmittelpaketen für die Häftlinge im KZ Neuengamme nach Lübeck transportiert. (Abb. 7) [3, 4]. Als Stützpunkt in Deutschland diente das Schloss des Fürsten Otto (II)  von Bismarck in Friedrichsruh. Ende März wurden bereits rund 4.200 kranke Häftlinge nach Dänemark gebracht [3, 4]. Mitte April kam die Genehmigung aus Berlin, auch die Häftlinge aus dem Skandinavierlager nach Schweden zu evakuieren [3], woraufhin am 20. April 4.250 dänische und norwegische Häftlinge mit 120 weißen Bussen und Fahrzeugen nach Dänemark gebracht wurden. Auch aus dem KZ Ravensbrück wurden mit Unterstützung des internationalen Roten Kreuzes rund 7.000 skandinavische Frauen und Kinder befreit und fuhren in einem Güterzug nach Dänemark [5]. Insgesamt wurden in den letzten Kriegswochen mit der Aktion „Bernadotte“ rund 21.000 ausländische KZ-Häftlinge, darunter etwa ein Drittel Frauen, gerettet [3, 5].

 

4. Beladung der Schiffe mit  KZ-Häftlingen

Am frühen Morgen des 20. Aprils 1945 begann die SS, das KZ Neuengamme aufzulösen und auf Auffanglager und Endlager zu verteilen [1]. Dabei herrschte ein wildes Durcheinander, die Befehle widersprachen sich, auch weil erste SS-Chargen begannen, sich abzusetzen. Die Gefangenen wurden in eiligst herbeigeschafften Bahnwaggons sowie Lastwagen gepfercht oder zu Fuß in Marsch gesetzt. Bei diesen Todesmärschen der hungrigen, geschwächten Häftlinge mit unzureichender Kleidung und Schuhwerk starben viele von ihnen. An den Seiten der  Marschwege blieben die Toten zurück, die wegen Erschöpfung von den SS-Bewachern erschossen wurden. Viele wurden zum KZ-Bergen-Belsen geschickt, ein Endlager für „nicht mehr arbeitsfähige“ Gefangene. Rund 10.000 KZ-Häftlinge sollten über Lübeck auf Schiffe verladen werden. Rund 7.000 davon sollten mit der ATHEN von Lübeck auf die CAP ARCONA gebracht werden [1, 3].

 

4.1 Thielbek Einschiffung der Häftlinge

Von der SS wurde angeordnet, dass der mit einem Ruderschaden in Lübeck in der Werft liegende Frachter THIELBEK  2.000 KZ-Häftlinge aus Neuengamme übernehmen sollte [1]. Die Weigerung von Kapitän John Jacobsen wurde von der SS mit der Androhung von Waffengewalt beantwortet. Ein Arbeitskommando hatte eine provisorische Toilettenanlage an Deck gebaut und am 19. April 1945 verholte die THIELBEK von der Werft in den Lübecker Industriehafen. Am darauffolgenden Tag wurden insgesamt 2.300 KZ-Häftlinge auf die THIELBEK (Abb. 8) gebracht, außerdem 280 Wachleute [1]. Sie waren vom KZ Neuengamme nach Lübeck zum Teil in Viehwaggons (je nach Quelle [1, 5]) mit je 50 bis 120 Häftlingen pro Waggon transportiert worden. Der Transport wurde jedoch aufgrund von Tieffliegerangriffen mehrfach unterbrochen. Da die Reichsbahn nicht genug Zugmaterial zur Verfügung hatte, waren einige Häftlingsgruppen in Fußmärschen, in sogenannten Todesmärschen, nach Lübeck gelangt.

Neben Kapitän Jacobsen waren noch 18 zivile Seeleute an Bord, die Besatzung wurde von der SS zum Stillschweigen verpflichtet. Am 21. April kamen weitere Häftlinge an und wurden auf die THIELBEK gebracht, so dass die Gesamtzahl auf etwa 3.500 stieg [1]. In den Laderäumen herrschte eine katastrophale Enge, es gab keine Verpflegung und zu wenig Trinkwasser. Während sich die anderen Schiffe der Häftlingsflotte bereits in der Lübecker Bucht befanden, lag die THIELBEK wegen ihres Ruderschadens immer noch im Lübecker Hafen fest. Am 1. Mai befahl der Lübecker Polizeichef dem Kapitän, sofort auszulaufen. Am 2. Mai wurde die THIELBEK vom Schlepper TRAVEMÜNDE und einem weiteren Schlepper auf die Ostsee zur Reede Neustadt geschleppt [1]. Täglich starben viele Häftlinge, die einfach von der SS-Bewachung über Bord geworfen wurden.

4.2 ATHEN, Zubringerschiff  für die CAP ARCONA

Am 20. April wurden auch die ATHEN (Abb. 9) mit KZ-Häftlingen beladen, um sie auf die CAP ARCONA  zu bringen, die vor Neustadt auf Reede lag. Da der Kapitän der CAP ARCONA, Heinrich Bertram, die Häftlinge nicht übernahm, lief die ATHEN zurück nach Lübeck. Am Samstag, den 21. April befanden sich auf der ATHEN unter Deck bereits rund 4.300 Häftlinge. Die Bewachung erfolgt vom 450 SS-Mannschaften, die teils an Deck und teils in den Besatzungsunterkünften wohnten [1]. Die aufgrund der extrem schlechten Ernährung und Unterbringung an Bord verstorbenen Häftlinge wurden von der SS einfach über Bord geworfen, auch um die Landbürokratie bei dem Begräbnis in Massengräbern zu umgehen.

 

4.3 Heinrich Bertram, Kapitän der CAP ARCONA weigert sich

Ein erneuter Versuch, Häftlinge auf die CAP ARCONA zu bringen, blieb ohne Erfolg, da die Schiffsleitung sich auf Anordnung des Kapitäns weigerte. Auch der mit der Schiffsleitung verhandelnde SS-Hauptsturmführer Otto Thümmel war dagegen machtlos. Der Kapitän Bertram befand sich zu Verhandlungen an Land. Um dem steigenden Druck der SS standzuhalten, baten die Schiffsoffiziere Bertram, auf sein Schiff zu kommen [1].

 

Am 23. April erhielt das Vorstandsmitglied der HSDG, Georg Dittmer vom persönlichen Referenten SS-Sturmbannführer Horn des Gauleiters Karl Kaufmann (Abb. 10) den Befehl zur Aufnahme der Häftlinge. Dittmer rief Bertram an und riet ihm, sich an Konteradmiral Conrad Engelhardt zu wenden. Engelhardt und sein Stab befanden sich im Flensburger Hafen auf der MALAGA und hatten als Seetransportverantwortlicher für die Hilfsbeischiffe der Marine bisher die Befehlsgewalt über die CAP ARCONA. Da die CAP ARCONA aufgrund der defekten Antriebsanlage und leeren Treibstofftanks nicht mehr seeklar war, hatte die Marine das Schiff an den „Reiko See“ überstellt  [1, 7].

 

Horn entsandte am 23. April den beim „Reiko See“ dienstverpflichteten Kapitän zur See Lewinski zur Lageüberprüfung nach Lübeck. Er sollte die Schiffsführung der CAP ARCONA zum Einlenken bringen. Lewinski inspizierte am 24. April die Schiffe und beschwerte sich bei der SS mit wenig Erfolg über die unerträglichen Zustände der Häftlingsunterbringung auf den Schiffen. Lewinski hatte festgestellt, dass eine Übergabe der Häftlinge auf die CAP ARCONA nicht erfolgen konnte, da hier keine ausreichenden Lebensmittel- und Trinkwasservorräte für die vielen geplanten KZ-Häftlinge verfügbar waren Die SS beruhigte Lewinski und die inzwischen eingeschalteten zivilen und militärischen Dienststellen mit Zweckparolen z. B. mit der Behauptung, dass die Schiffe zur Rettung der KZ-Häftlinge nach Schweden auslaufen sollten.

 

Am Dienstag den 24. April erhielt Bertram (Abb. 11) über einen Kurier die Meldung, dass jetzt die „Schutzhäftlinge“ zu übernehmen seien. Ein drittes Mal lief die ATHEN die CAP ARCONA zur Übergabe der KZ-Häftlinge an, Bertram weigerte sich jedoch auch diesmal. Am 25. April lief die ATHEN zum 4. Mal zur CAP ARCONA. Erneut verweigerte Bertram die Aufnahme der Häftlinge. Die ATHEN blieb jedoch neben der CAP ARCONA liegen, auch um die Not der Häftlinge zu lindern, die am Verdursten waren. Von der CAP ARCONA erhielten sie notdürftig Verpflegung und Trinkwasser [1].

 

4.4 Kapitän Bertram weicht der Gewalt

Am 26. April hatten Lewinski, Horn, der SS-Sturmbannführers Christoph-Heinz Gehring und zwei weitere SS-Männer eine heftige Unterredung mit Bertram. Mit einem Verhaftungsbefehl übten sie auf Bertram extrem starken Druck aus, damit dieser den SS-Befehlen zur Einschiffung der Häftlinge nachkam. Bertram wich der Gewalt, lehnte jedoch jede Verantwortung ab, da das Schiff für diese hohe Konzentration von Menschen nicht geeignet sei [1, 7].

Damit konnte die ATHEN am 26. April die ersten 2.500 Häftlinge an die CAP ARCONA übergeben. Jetzt konnten auch die zwischenzeitlich auf der ELMENHORST und OTTERBERG verladenen Häftlinge von der ATHEN zur CAP ARCONA gebracht werden. Nach [1] ging an diesem Tag von Neuengamme auch der letzte KZ-Häftlingstransport mit der Bahn ab. Bis zum 29. April wurden insgesamt 7.500 Häftlinge auf die CAP ARCONA gebracht, die damit heillos überfüllt war [1, 3, 7]. Eine Häftlingsdelegation und die Schiffsleitung warnten vor einer drohenden Seuchengefahr, woraufhin die SS am 30. April 2.000 vorwiegend französische, aber auch belgische und niederländische Häftlinge mit der ATHEN nach Lübeck zurückbringen ließ. Mehrere 100 dieser Häftlinge kamen daraufhin mit den Weißen Bussen des schwedischen Roten Kreuzes auf die in Lübeck liegenden schwedischen Lazarettschiffe. Die LILLIE MATTHIESSEN lief am 30. April nach Malmö aus, das Schwesterschiff MAGDALENA, die auch 380 Frauen aus dem KZ Ravensbrück an Bord nahm, folgte ihr am 1. Mai  [1, 7].

 

5. Der Angriff der englischen Bomber am 3. Mai

Regelmäßig überflogen englische Aufklärer die Lübecker Bucht, in der sich immer mehr Schiffe und U-Boote sammelten. Hier lag auch die DEUTSCHLAND, jedoch ohne Häftlinge an Bord. Von der Häftlingsflotte lagen am 3. Mai 1945 die CAP ARCONA mit rund 5.0000 und die THIELBEK mit rund 2.800 Häftlingen etwa 5 km vor Neustadt (Abb. 12). Die antriebslosen Lastkähne VATERLAND und WOLFGANG mit inzwischen rund  1.600 Häftlingen lagen bei der CAP ARCONA und waren mit den Schleppern von den SS-Bewachern verlassen worden. Daher hatten die Kähne am 3. Mai morgens um 02:00 Uhr losgemacht, um sich mit günstigem Wind an Land treiben zu lassen. Die ATHEN war um 12:00 kurzfristig in den Marinehafen Neustadt geordert worden, um die inzwischen vor Pelzerhaken gestrandeten Häftlinge der beiden Kähne aufzunehmen [1].

 

Gegen 14:30 Uhr begann der Angriff der ersten Welle der britischen Jagdbomber (Jabos) vom Typ Thyphoon I B. Neun Jabos griffen die Schiffe, denen die weiße Flagge verboten war, in der Neustädter Bucht mit Raketenbomben an (Abb. 13). Die CAP ARCONA und THIELBEK erhielten schwere Treffer. Auch die inzwischen im Marinehafen Neustadt liegende ATHEN wurde angegriffen, sie wehrte sich mit der Flak. Die ATHEN erhielt unbedeutende Treffer und einige Häftlinge kamen bei diesem Angriff zu Tode. Auch Einheiten der Flugsicherungsflotille und vier Boote der Küstenwachboote vor Pelzerhaken beteiligten sich an der Abwehr [1].

 

Britische Panzerspitzen hatten von Süsel und Wintershagen kommend den Stadtrand von Neustadt erreicht und griffen in den Kampf ein, beschossen die Flakstellungen der ATHEN und die Rettungsschiffe, die aus Neustadt den sinkenden Schiffen zur Hilfe kommen wollten. Die zweite Welle mit einer Staffel von neun Jabos griff die DEUTSCHLAND und einige U-Boote an und die dritte Welle mit acht Jabos suchte sich andere Ziele in der Neustädter Bucht. Die Marinesoldaten am Geschütz der ATHEN gaben auf und hissten die „Weiße Fahne“. Die CAP ARCONA kenterte im 18 m tiefen Wasser und die meisten der Schiffbrüchigen fanden den Tod. Die THIELBEK sank mit 2.800 Personen, nur wenige der Häftlinge überlebten. Auch die DEUTSCHLAND sank, hier waren jedoch keine Gefangenen an Bord. Das Wasser hatte eine Temperatur von 7 bis 8°C und da die Rettungseinrichtungen weitgehend zerstört waren gab es unter den Häftlingen mit über 7.000 Opfern nur wenige Überlebende [1, 7].

 

6. Literatur

[1] Wilhelm Lange: Cap Arcona. Neustadt in Holstein 2014; ISBN 978-3-942943-08-6

[2] Arnold Kludas: Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt. 1994 Hamburg, ISBN 3-89350-821-X

[3] Katharina Hertz-Eichenrode (Hg.): Ein KZ wird geräumt; Edition Temmen; (2 Bände) ISBN 3-86108-764-2

[4] Hermann Kaienburg: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945; 1997 KZ Gedenkstätte Neuengamme ISBN 3-8012-3076-7

[5]  Bernhard Strebel: Das KZ Ravensbrück; 2003, Ferdinand Schöningh, Paderborn ISBN 3-506-10123-1

[6] Christoph Ernst; Ulrike Jensen: Als letztes starb die Hoffnung, 1989 Hamburg ISBN 3-89136-267-6

[7] Hans Rothfels, Theodor Eschenburg (Hrsg.): Studien zu Geschichte der Konzentrationslager, 1970 Dt. Verl.-Anst. Stuttgart

[8] Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler; 1978 Stuttgart; ISBN 3-512-00440-7